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Corona 2020

 

Mein Hals kratzt und Ich beginne zu niesen. Es ist nicht COV19 – jedenfalls denke ich das. Es liegt an den kalten Füssen, die ich mir geholt habe, als ich zu lange im noch kühlen Garten auf das Auftauchen der Nachbarin gewartet habe. Gerade habe ich sie noch im Garten gesehen – jetzt ist sie ums Eck verschwunden und taucht nicht wieder auf. Es wäre eine gute Gelegenheit gewesen endlich wieder einmal miteinander zu plaudern. Der Abstand hätte gestimmt. Zwischen uns ist eine Gartenmauer und beidseits ein Beet.

Endlich viel Zeit für uns, die ohne gefährliche Symptome sind - auch für Sozialkontakte – etwas, das sonst immer zu wenig ist. Aber jetzt soll man genau diese Kontakte meiden. Bleiben sie zuhause! Sagt mir Fernsehen und Zeitung und natürlich der Bundeskanzler. Normalerweise bin ich darüber glücklich – aber jetzt drängt es mich hinaus. In die Welt und zu den Menschen.

Empfohlener, verordneter Rückzug. Mit sich sein – es gibt weltweit eine kollektive Auszeit. Wir sind allein mit uns und unseren persönlichen Projekten und Problemen. Für die gibt es jetzt Zeit, die wir nützen können. Es könnte sein, dass wir alle unser Leben in der Zeit komplett auf die Reihe bringen (können). Die Welt steht irgendwie still und irgendwie auch nicht. Draußen scheint die Sonne, die Vögel singen und im Garten beginnen die Narzissen zu blühen. Nur seltsam unbelebt ist die Szene. Vielleicht sollten wir wieder einmal „Die Wand“ von Marlen Haushofer lesen – Zeit hätten wir ja!

Wir alle haben so eine Situation wie jetzt noch nicht erlebt – irgendwie erinnert es mich an Tschernobyl 1986 – auch damals hat die Bedrohung nicht an den Grenzen Halt gemacht und uns vor neue Herausforderungen gestellt.

Beunruhigend sind jetzt die täglichen Sondersendungen mit den sich wiederholenden Informationen und notwendigen Hinweisen zur Sicherheit aller. Erschreckendes geschieht in unmittelbarer Nähe im Nachbarland. Die Zahlen der Infizierten steigen – auch bei uns - noch  exponentiell. Ziel ist es, von exponentiell zu linear zu kommen. Wie das gelingen kann, darüber denken Fachleute und Politiker ständig nach. Und dafür dienen all die Hinweise, wie wir uns richtig verhalten sollen.

Berühren Sie ihr Gesicht nicht! Niemals ist mir aufgefallen, wie oft ich mein Gesicht berühre. Aber vielleicht mache ich das sonst auch nicht so oft. Könnte sein, dass die Unsicherheit der momentanen Situation auch dazu beiträgt. Wissen wir doch, dass Gesichtsberührungen uns beruhigen. Jetzt würden wir sie vielleicht dringender brauchen als unter „normalen“ Umständen. Aber vielleicht schafft es ja einen adäquaten Ausgleich, wenn wir jetzt umso öfter unsere Hände waschen und uns damit auch berühren. Mindestens 30 Sekunden lang und das mehrmals am Tag. Wir sind als Spezies ja lernfähig!

Wir Menschen sind anpassungsfähig! Wir gewöhnen uns an alles! Das ist ein Vorteil – und wie schon Jean Piaget sagte: Intelligenz ist die höchste Form der Anpassung eines Individuums an seine Umgebung! Diese Situation jetzt wird im besten Fall unsere Intelligenz und unsere Flexibilität fördern. Nehmen wir die Krise einfach als Chance dafür ….

Die Sonne scheint – der Frühling beginnt …. Seit ewigen Zeiten der Inbegriff der Hoffnung! Auch jetzt: freuen wir uns an diesem Zeichen der Natur. Lassen wir uns von der Sonne wärmen, freuen wir uns über Bärlauch und Löwenzahn, der jetzt überall aus der Erde drängt. Nehmen wir die geschenkte Zeit, die uns das Corona-Virus auch bietet. Keine Kultur, die wir außerhalb unseres Hauses versäumen, kein Treffen von Freunden wo wir vielleicht fehlen könnten …. Das nimmt uns viele Entscheidungen ab.

Wir können unsere innere Verbundenheit stärken – Objektkonstanz nennen das die Entwicklungspsychologen. Holen wir uns immer wieder die Gewissheit, dass nicht weit weg von uns Menschen sind, die zu uns gehören, denen wir wichtig sind und die uns nahe sind, auch wenn wir sie gerade nicht sehen sollen. Helfen können uns dabei Erinnerung, Bilder und natürlich das Telefon.

Wir haben die Kontrolle verloren! Das zeigt nicht nur der rasante Anstieg der Begehrlichkeit von Toilettenpapier. In einigen Ländern Europas wird es plötzlich knapp. Jedenfalls zeigen uns das die leeren Regale. In den Lagern gibt es noch viel davon – beruhigt man uns. Scheinbar ist es in der Situation noch interessanter oder doch gleich wichtig wie Lebensmitteln jeglicher Art. In Belgien haben Psychologen versucht das zu erklären: wenn ein böser oder schmutziger Virus uns bedroht, dann wollen wir wenigstens den Luxus der täglichen Hygiene nicht verlieren. Dafür können wir selbst sorgen. Mittels Klopapier … wenn es noch käuflich zu erwerben ist. Ich persönlich (Geburtsjahr 1960) erinnere mich noch an weich geknülltes Zeitungspapier für diesen Bedarf. Nur für alle Fälle ….

Welche Perspektiven haben wir? Wie lange wird es dauern? Wer weiß!!! Wir haben Anhaltspunkte wie die Entwicklung in China, in Südkorea gelaufen ist … wie lange hat dieser Ausnahmezustand dort gedauert. Aber ist es genau übersetzbar für unser Land, für unsere Situation jetzt? Wir wissen es nicht! Das sagen auch die Fachleute und es ist seriös keine falsche Hoffnung zu erwecken. Und wir sind angehalten die Unsicherheit auszuhalten, von Tag zu Tag zu leben, zu nehmen was kommt … viele Menschen üben genau das in meditativen Praktiken. Jetzt gibt uns der Alltag die Chance dazu!

Wenn die Angst in unseren Gedanken wohnt …. Versuchen Sie ihre Angst ernst zu nehmen, aber geben Sie ihr nicht allen Raum. Schauen Sie hin und lassen Sie die Angst wieder weiter ziehen. Nicht festhalten – ziehen lassen wie die Wolken, versuchen los zu lassen: die Gedanken, die Angst und suchen Sie die Sicherheiten in sich, in ihrer Umgebung.

Wo finden Sie das, was Sie brauchen an Halt und Trost in diesen Tagen?

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